Wie würde eine radikale Veloförderung aussehen? 4 Meter Platz!

Veröffentlicht von markus.heinzer am

Franziska Teuscher hat mich gebeten, an ihrem STAMM-Tisch zum Thema Veloförderung zu sprechen. Sie meinte, es dürfe auch etwas provokativ sein. Also:

Die Menschen wählen ihr Verkehrsmittel sehr bewusst. Wenn wir das Velofahren und das Zufuss-Gehen fördern wollen, müssen wir den Menschen Gründe geben, das Velo zu nehmen oder zu Fuss zu gehen.

Wie macht Velofahren und Zufussgehen Spass? Wann stimmt es? Wann nimmst du lieber das Velo als das Auto? Wann gehe ich lieber zu Fuss als mit dem öV?

Ich nehme genau dann das Velo, wenn 3 Punkte erfüllt sind:

  • Ich will sicher unterwegs sein.
  • Ich will mit anderen Menschen zusammen unterwegs sein können.
  • Ich will autonom und frei sein.

1. sicher unterwegs sein

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis. Wenn ich mich unsicher fühle, nehme ich ein anderes Verkehrsmittel. So einfach ist es. Ob eine Situation auf einer Strasse/Kreuzung etc. sicher ist, lässt sich daran messen,

  • ob wir uns mit Kindern dort sicher fühlen.
  • ob sich Velo-AnfängerInnen sicher fühlen (z. B. auch Migrant_innen, ältere Menschen etc.)
  • ob wir uns auch mit einem gemieteten Velo-Lastenzug sicher fühlen (Cargobikes, Anhänger etc.)

Viel zu lange waren Männer in meinem Alter mit sehr viel Velo-Erfahrung der Massstab. Und tatsächlich: Für mich ist die Velo-Infrastruktur in der Stadt Bern fast überall genügend sicher. Aber wie stehts mit den vielen anderen, die wir vom Velofahren überzeugen wollen?

2. zusammen unterwegs sein

Auch das soziale Zusammensein ist ein Grundbedürfnis. Ich erinnere mich, dass ich oft gesagt habe: “Komm wir treffen uns gleich am Ziel, denn zusammen hinfahren durch die Stadt macht eh keinen Spass.”

Mit dem Film Why we cycle, der wunderbar die Velokultur in Holland porträtiert, wurde mir klar: Wir wollen nebeneinander Velofahren. Wir möchten miteinander reden, wenn wir radeln. Denn es ist schön und tut gut, beim Velofahren und beim Zufuss-Gehen mit anderen Menschen in Verbindung zu sein.

3. autonom und frei sein

Das ist doch ein grosser Vorteil des Velos gegenüber dem öffentlichen Verkehr: Ich bin autonom. Ich fahre, wann und wo ich will. Ich fahre so schnell, wie ich will. Und ich möchte den Schwung behalten. Das heisst:

  • Ich möchte überholen können.
  • Ich möchte durchgehende Routen fahren, auf denen ich möglichst wenig gestoppt werde.

Es braucht: Mehr Platz fürs Velo

Wenn wir sicher Velo fahren wollen, brauchen wir 3 bis 4 Meter breit Platz für Velos.

  • Alleine sicher unterwegs sein (z. B. mit Anhänger): Mind. 1,5 Meter
  • Zu zweit nebeneinander fahren: + mind. 1 Meter
  • Einander überholen können: + mind. 1,5 Meter

Das würde dazu führen, dass es vielerorts weniger Platz für die Autos geben würde. Das Autofahren in der Stadt würde weniger attraktiv und mehr Menschen würden sich andere Verkehrsmittel suchen. Damit würden wir das Klima besser schützen.

Auf den Autobahnen rund um Bern plant der Bund genau das Gegenteil: Die Autobahnen sollen gegenüber heute rund 1,5-mal so breit werden. Mehr Platz für Autos wird auch mehr Autoverkehr anlocken. Dabei: Wenn wir die Klimaziele ernst nehmen, darf es schlicht keinen Auto-Mehrverkehr mehr geben.

Es braucht: Langsamere Autos

Die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden wird massiv erhöht, wenn die Autos nicht mehr als 30 km/h fahren. Damit sind sie gleich schnell wie die schnellen Velofahrenden und ein Miteinander auf Augenhöhe wird plötzlich möglich. Deshalb: Es braucht in der Stadt flächendeckend Tempo 30 und an vielen Orten Tempo 20 (Begegnungszonen). Grüne Welle für Velos bedeutet oft auch: rote Welle für Autos.

Es braucht ein Umdenken bei der Verkehrsplanung

Beim Autobahn-Anschluss Wankdorf fordere ich mit dem Verein Spurwechsel und allen, die dahinter stehen, dass in der Verkehrsplanung – auch bei Autobahn-Kreuzungen wie dem Autobahn-Anschluss Wankdorf – die Prioritäten umgekehrt werden:

  1. Funktioniert es für die Velos und die Fussgänger?
  2. Funktioniert es für den öffentlichen Verkehr?
  3. Funktioniert es für die Autos?

Aber dieses Umdenken fällt uns allen schwer – auch uns Grünen. Ich merke es bei meinem Engagement gegen den Autobahn-Ausbau im Osten von Bern: Ich fordere zwar öffentlich, dass man zuerst für die Velos planen müsste und erst dann für die Autos. Aber eine innere Stimme sagt mir dann: So weit kannst du eigentlich nicht gehen. Die Autos sind doch viel mehr und wichtiger und grösser usw. So viel zu fordern, kommt uns unanständig vor. Gegen diese alten Muster auch in uns selber müssen wir ankämpfen.

Klar: Nicht überall braucht es 4-Meter breite Velostreifen. Aber als Verhandlungsbasis ist das ein guter Richtwert: Für Velos braucht es gleich viel Platz wie für eine Autospur.

Danke an alle Menschen bei Pro Velo und in den Verkehrsabteilungen, die mithelfen, diese Vision zu verwirklichen!

Danke an Ben Zumbühl für die coolen Fotos!

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